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Titel

Titel: Une histoire de la marine française
Autor: Rémi Monaque
Verlag: Perrin
Erscheinungsjahr: 2016
ISBN: 978-2-262-03715-4
Umfang: 526 Seiten, 15 Bilder und 13 Karten
Preis: 26 € (beim Verlag)

Am Anfang war Hornblower. Na ja, eigentlich nicht, aber seitdem ich mit zehn oder elf Jahren, die alten Abenteuerromane meines Vaters zu lesen anfing, war Hornblower immer da. Die Hornblower Romane von C.S. Forester sind klassische Seekriegsromane, und ich habe sie alle gelesen. Erst in schwedischer Übersetzung, dann in der Originalsprache. Später habe ich sie alle gekauft und sie stehen jetzt hier neben mir in meinem Bücherregal.

Horatio Hornblower ist ein klassischer Seeheld, der 1937 von C.S. Forester geschaffen wurde. Bis 1967 entstanden weitere neuneinhalb Romane in der Reihe. Im Grunde ist die Handlung einfach. Hornblower, ein britischer Seeoffizier während der Napoleonischen Kriege, schlägt mithilfe seiner hervorragenden Seemannskunst, List und Geschick die bösen Franzosen. Mit den Romanen hat C.S. Forester ein kleines Subgenre geschaffen, mit Nachfolgern wie Alexander Kent, Dudley Pope, C. Northcote Parkinson, Patrick O’Brien und noch einigen, deren Namen ich vergessen habe.

Obwohl ich C.S. Forester keinen britischen Imperialisten nennen würde, ist er aber zweifellos ein Produkt des Britischen Imperiums, was auch für seine Nachfolger gilt. Im Lichte vom Brexit und dem, was ich sah, als ich letztes Mal in England war, möchte ich bei der Interpretation gerne weiter ausholen: Hornblower und seine Nachfolger sind Projektionsflächen für die für Briten unverarbeiteten Erinnerungen an und Gefühle zum Verlust ihres Imperiums.

Das Lesen von Hornblower hat mein Interesse für Seekriegsgeschichte begründet und hier neben mir in meinem Regal stehen jetzt ungefähr drei Regalmeter Bücher zu diesem Thema. Die Mehrheit dieser Bücher sind von englischsprachigen Autoren geschrieben.

Schon vor zwanzig Jahren wurde mir klar, dass es hier ein Ungleichgewicht besteht, und deshalb kaufte ich, als ich 1997 in Paris war, einige französische Bücher über Seekriegsgeschichte. Die waren sehr interessant und haben meinen Blick auf dieses Gebiet erweitert, besonders was die geostrategischen Voraussetzungen des Seekrieges anbelangt. Dieses Mal, als ich in Paris war, wurde es wieder Zeit, ein Buch über die französische Flotte zu kaufen. (Übrigens gibt es nicht nur in London Plätze und Straßen die nach Seeschlachten- oder Seehelden benannt sind, z.B. Trafalgar Square. In Paris gibt es die Avenue de Suffren und die Avenue de la Motte-Piquet.)

Rémi Monaque, pensionierter Konteradmiral der Französischen Flotte, hat mit seiner Une histoire de la marine de guerre française ein sehr lesenswertes Buch geschrieben. Er fängt vom Anfang an und beschreibt u.a. die Seegefechte des Hundertjährigen Krieges, die normalerweise in diesem Zusammenhang nicht erwähnt werden.

Beispiel für eine enthaltene Abbildungen

Aus leicht verständlichen Gründen geht es in einem Großteil des Buches um die lange währenden Kriege zwischen Frankreich und Großbritannien. Die französischen Könige und ihre Finanz- und Marineminister spielten hier eine Hauptrolle. Unter Ludwig dem Vierzehnten erlebte die französische Flotte eine Blütezeit, einfach weil der König die Bedeutung der Flotte verstand und ihr die entsprechenden Ressourcen zuteilte. Es gelang der französischen Flotte dieser Zeit, die britische mehrmals zu schlagen.

Sein Nachfolger, Ludwig XV., interessierte sich überhaupt nicht für die Flotte, was zu den vernichtenden Niederlagen im Österreichischen Erbfolgekrieg und besonders im Siebenjährigen Krieg führte. Die letzteren führten zum französischen Verlust von Kanada und die permanente Machtverschiebung zugunsten der Briten in Amerika und Indien.

Ludwig XVI. auf der anderen Seite interessierte sich sehr für das Maritime und, anders als seine beiden Vorgänger, besuchte er tatsächlich eine französische Hafenstadt, Cherbourg 1786. Während seiner Regentschaft erlebte die französische Flotte eine zweite Blütezeit und konnte während des Amerikanischen Unabhängigkeitskrieges der britischen Flotte die Stirn bieten.

Dank des Sieges der französischen Flotte in der Seeschlacht vor der Chesapeake Bay musste General Cornwallis vor den Amerikanern kapitulieren, was den Kriegsausgang entschied. Die Seeschlacht an sich war tatsächlich unentschieden, aber da die Briten die französische Flotte nicht schlugen, konnten sie Cornwallis nicht entsetzen. Zwar wurde Admiral de Grasse später von Admiral Rodney bei der Schlacht von Les Saintes geschlagen, was in älteren britischen Büchern oft viel Raum gegeben wird. Der britische Sieg war aber strategisch von geringer Bedeutung. Die amerikanischen Kolonien waren schon verloren. In den indischen Gewässern kämpfte Admiral Suffren trotz geringer Ressourcen erfolgreich gegen Admiral Hughes und war auch seetaktisch innovativ. Er ist einer der großen französischen Seehelden und wie erwähnt ist eine Avenue in Paris nach ihm benannt.

Der vielleicht wichtigste Grund für die Erfolge der französischen Flotte in diesem Krieg war, dass es für Frankreich praktisch ein reiner Seekrieg war. Auf dem europäischen Kontinent gab es keine Gefechtshandlungen gegen die Briten und deswegen konnte Frankreich den Großteil seiner militärischen Ressourcen auf den Seekrieg verwenden.

Die Revolutionskriege und die Napoleonischen Kriege waren für die französische Flotte katastrophal, mit Tiefpunkten wie den Schlachten von Aboukir und Trafalgar. Die Ursachen dafür erklärt Rémi Monaque und hier ist er sich mit den meisten britischen Autoren einig, obwohl er einen tieferen Hintergrund bietet. Es gibt aber einen interessanten Unterschied zwischen den britischen und den französischen Erklärungen zu den Ursachen der französischen Niederlage bei Trafalgar. Französische Autoren, auch Monaque, neigen dazu, Admiral Villeneuve einen großen Teil der Schuld zu geben und stellen ihn als defensiv und initiativlos dar. Britische Schilderungen stellen Villeneuve als kompetenten Seeoffizier dar, dem Napoleon eine unmögliche Aufgabe gab.

Die Entwicklung der französischen Flotte während des neunzehnten Jahrhunderts ist auch interessant. Unter Napoleon III erlebte sie eine kleine Blütezeit. Nicht, dass sie zu dieser Zeit besonders groß war. Napoleon III war anglophil und wollte nicht mit Großbritannien konkurrieren. Stattdessen setzten die Franzosen auf technische Innovationen und bauten z.B. 1859 das erste gepanzerte Kriegsschiff, die Fregatte La Gloire. Nach dem Sturz Napoleons III folgte eine Periode der Stagnation, die bis zu den 1930er Jahren dauerte.

Das neunzehnte Jahrhundert ist aber auch aus anderen Gründen interessant. Es war die Zeit der großen kolonialen Expansion Frankreichs. Dabei war die Flotte sehr wichtig und es gab einige Seegefechte, die die Franzosen als große Siege feiern. Bemerkenswert ist, dass Monaque den französischen Kolonialismus eigentlich nicht problematisiert. Eigentlich macht er nur zwei kritische Kommentare dazu. Erstens, dass die französische Teilnahme an dem Opiumkrieg mit China nicht besonders ehrenhaft war, zweitens, dass er nie dachte, dass Frankreich den Algerienkrieg hätte gewinnen können. Er nahm selbst als Seeoffizier an diesem Krieg teil.

Das letzte Kapitel, über die heutige französische Flotte ist auch interessant, besonders die sozialen Aspekte. Die Flotte, die früher sehr hierarchisch war, ist demokratisiert worden. (Als am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts ein Kadett über Bord fiel, rief jemand: ,,Homme à la mer!’’ Die Antwort kam sofort: ,,Ce n’est pas un homme. C’est un monsieur.’’ Deutsch: ,,Mann über Bord!'' ,,Das ist kein Mann, das ist ein Herr.'' ) Heute ist die Flotte ist für Frauen offen und auf den Kommandobrücken wird geduzt. Wein, der bei der französischen Flotte dieselbe Rolle wie Rum bei der britischen spielte, ist heute durch Bier und Fruchtsaft ersetzt worden. Wenn heute Alkoholismus kein großes Problem mehr bei der Flotte ist, gibt es heute unter den Mannschaften Probleme mit anderen Drogen, wie Cannabis und Opiaten. Dass könnte auch als eine bizarre Art Demokratisierung betrachtet werden, meint Monaque. Opium war am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts ein Rauschmittel, das vorwiegend den Offizieren vorbehalten war. 

Na, zurück zu Hornblower, Jack Aubrey, Richard Bolitho und den anderen fiktiven britischen Seehelden, sowie den richtigen wie Nelson, Blake, Rodney, Cochrane u.s.w. Wie konnten sie die Franzosen immerzu schlagen? Einfach!

Es geht um die geographischen Voraussetzungen. Großbritannien ist eine Insel und deswegen konnten und mussten die Briten den Großteil ihrer militärischen Ressourcen auf die Flotte verwenden. Frankreich musste wegen ihrer langen Landesgrenzen immer eine große Armee aufrechterhalten und konnte nur einen Teil ihrer Ressourcen für ihre Flotte einsetzen. Das habe ich nie in einem englischsprachigen Buch gelesen. Die Idee von britischen Seehelden während der Napoleonischen Kriege scheint in diesem Licht ziemlich albern. Ungefähr so, als ob Mike Tyson ein Held wäre, wenn er in einem Kampf eins gegen zwei, zwei untrainierte Amateure besiegen würde.

Die Hornblower Romane von C.S. Forester und die Jack Aubrey Romane von Patrick O’Brien sind aber trotzdem lesenswert, aber aus ganz anderen Gründen.

Une histoire de la marine française von Remi Monaque ist sehr lesenswert und ist der perfekte Vorwand und ein ausgezeichnetes Mittel, sein altes Schulfranzösisch aufzuputzen.

alt sehr empfehlenswert

Ulf Lundberg